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Tobias Schneider: Unbezahlte Praktika verbieten?

24 August 2010 1.130 views 2 Kommentare von

Vor kurzem starteten einige EU-Parlamentarier eine Initiative, die darauf abzielte unbezahlte Praktika in Zukunft zu verbieten. Auf den ersten Blick sicherlich ein sehr zu befürwortendes Anliegen.

Die meisten Studierenden haben selbst Erfahrungen mit verschiedenen Praktika gesammelt oder kennen zumindest Kommilitonen, die dies getan haben. Ich möchte zunächst einige der meiner Meinung nach entscheidenden Kritikpunkte am gegenwärtigen Praktikasystem benennen und dann deutlich machen, wieso meiner Meinung nach allgemein die Bezahlung von Praktika nicht dazugehört.

Sicherlich ist zu kritisieren, wenn Praktikanten bei Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen oder anderen Organisationen lediglich als Bürohilfskräfte oder ähnliches eingestellt werden. Zum einen werden sie damit Teil eines Lohndumpingsystems, dass unter Umständen sogar dazu führt, dass Arbeitsplätze entweder nicht entstehen oder noch schlimmer abgebaut werden. Zum anderen sind Augaben wie einige tausend Seiten am Tag zu kopieren, Telefonanrufe zu beantworten oder dafür zu sorgen, dass der Kaffeenachschub für die Kollegen im Büro nicht abbricht, nicht dazu geeignet, den beruflichen Horizont zu erweitern oder dafür zu sorgen, dass sich die fachliche Kompetenz erhöht. Dies ist auch deshalb abzulehnen, weil die Anbieter solcher Praktika, die man nur als “schwarze Schafe” bezeichnen kann, dafür sorgen, dass der Wert eines Praktikums nicht mehr einschätzbar ist. Was ist ein Praktikum bei einem Top-Unternehmen wert, wenn dort Praktikanten eigentlich nur als Büroaushilfen eingesetzt werden? Hier muss meines Erachtens nach eine stärkere öffentliche Kontrolle her. Dies muss garnicht vordergründig staatlich geregelt werden, sondern kann beginnen, bei einer sinnvollen und transparenten Praktikumsevaluation, beispielsweise über eine frei zugängliche Online-Plattform. Auf dieser könnten sich dann Praktikumsinteressenten oder auch Arbeitgeber, bei denen sich Absolventen mit Praktikumszeugnissen bewerben, über die Erfahrungstiefe eines bestimmten Praktikums informieren. Außerdem wären die “schwarzen Schafe” quasi an den Pranger gestellt. Dies könnte zu mehr und vor allem qualitativem Wettbewerb beitragen.

Das zweite Problem, dass ich ansprechen möchte betrifft den Bereich der Pflichtpraktika. Hier spielen dann selbstverständlich auch monetäre Aspekte eine entscheidende Rolle. Es kann nicht sein, dass jemand ein Pflichtpraktikum absolviert und dort nicht einmal Fahrtkosten und ähnliches ersetzt bekommt. Hinzu kommt, dass bei einer Praktikumsdauer von ein bis drei Monaten häufig auch erhebeliche Wohnkosten entstehen, wenn der Praktikumsplatz nicht gerade um die Ecke ist. Über solche kurzen Zeiträume kann die eigene Wohnung meist nicht zur Zwischenmiete weitervermietet werden, sodass viele in diesem Zeitraum doppelt zahlen müssen. Hier besteht in der Tat Handlungsbedarf, da es immer möglich sein sollte ein Praktikum, dass absolviert werden muss, in vernünftiger Qualität durchführen zu können, ohne dabei finanziell an die Wand gedrückt zu werden. Hier ist die Politik in der Pflicht entweder für einen entsprechenden Ausgleich zu sorgen, oder, was eher zu begrüßen wäre, eine engere Kooperation zwischen Hochschulen, Wirtschaft und öffentlichem Sektor im Bereich der Praktikavergabe anzustreben, um dort im Dialog Lösungen für diese Probleme zu finden. Dies ist jedoch eher im Sinne einer Aufwandsentschädigung, als im Sinne einer Bezahlung oder Entlohnung zu verstehen.

In Bezug auf freiwillig absolvierte Praktika ist die Lage meiner Meinung nach eine andere.  Wer sich selbst weiterbilden oder auf den Beruf vorbereiten möchte, sollte dies zu den Konditionen tun können, die er mit seinem Praktikumsanbieter vereinbart. Ich kann keinen Sinn darin erkennen, eine Pflicht zur Entlohnung einzuführen, wenn dadurch mögliche sinnvolle und interessante Praktikumsstellen vernichtet werden. Es ist niemandem damit geholfen, wenn sich jemand initiativ um ein Praktikum bewirbt und dort nicht angenommen werden kann, weil es die finanzielle Situation nicht hergibt. Ein Praktikum beispielsweise in einer öffentlichen oder sozialen Einrichtung, die aber über die ausreichenden Finanzmittel nicht verfügt, um eine Parktikumsstelle zu finanzieren, sollte doch nicht an bürokratischen Hürden scheitern.

Es bleibt also festzuhalten:

  • Praktika sollten nicht als Mittel des Lohndumping eingesetzt werden dürfen. Praktika dürfen kein Ersatz für benötigte Arbeitsplätze sein.
  • Eine generelle Bezahlung von Praktika sollte jedoch nicht verpflichtend werden, um eine Vielfalt an Praktikumsangeboten zu erhalten.
  • Verpflichtende Praktika sollten mit Aufwandsentschädigungen bedacht werden.
  • Es sollte eine Qualitätskontrolle auch im Bereich der Praktika geben.

Ich finde es sehr wichtig über das Thema Praktika endlich eine öffentliche und vor allem offene Diskussion zu führen. Jedoch sollte man sich hier nicht, wie dies sonst so häufig passiert, in ideologischen Grundsatzdebatten verhaken, sondern besser ganz pragmatisch die Probleme analysieren und flexible Lösungsstrategien erarbeiten. Leider ist zu befürchten, dass jetzt nach Ende der Sommerflaute die Thematik wieder deutlich in den Hintergrund treten wird, sodass in diesem Bereich auch zukünftig neben unausgegorenen Vorschlägen wohl nicht viel zu erwarten ist.

Tobias Schneider ist Ehrenvorsitzender der ULI-LHG, ehemaliges Mitglied des Senates und des StuPa der Universität Trier sowie Herausgeber von TrUNews.

2 Kommentare »

  • Unbezahlte Praktika verbieten? « Tobias Schneider said:

    [...] Unbezahlte Praktika verbieten? By Tobias Schneider, on August 26th, 2010 Erschienen am 24. August 2010 auf http://www.trunews.de [...]

  • Markus said:

    “die Anbieter solcher Praktika, die man nur als “schwarze Schafe” bezeichnen kann”
    Sicher, bedauerliche Einzelfälle. ;-)
    Vielleicht ist das Problem aber doch eher strukturell bedingt. Schlimmer als Praktika mit unterfordernden Tätigkeiten, wie sie ja recht anschaulich geschildert wurden, sind Praktikanten, die die Tätigkeiten von normalen Mitarbeitern ausführen, dafür aber schlechter bis gar nicht bezahlt werden. Unbezahlte Praktika komplett zu verbieten, ist sicher keine Lösung, aber dennoch sollte man doch ein Mittel gegen diese Art des Lohndumpings suchen.

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